Wir starten hier mit unserer Serie, in der wir unsere Meinung zu den unterschiedlichsten Themen mit euch teilen. Dabei mischen wir Fachwissen mit persönlicher Erfahrung, mal wird es emotional, mal informativ. Gerne könnt ihr mitdiskutieren. Wir freuen uns darauf!
Das Thema, über das ich als Erstes schreibe, geistert mir schon längere Zeit durch den Kopf und seitdem ich meine Tätigkeit als Trainerin noch intensiver ausübe, hat es für mich weiter an Präsenz gewonnen:
Wie gehe ich in Zeiten von Selbstdarstellung und -optimierung mit meinen (Miss-)Erfolgen, körperlichen Problemen oder auch dem zunehmenden Alter um? Muss ich immer stark und unbesiegbar sein, um in der Trainingscommunity anerkannt zu werden? Will ich anerkannt werden? Wie sieht die Realität aus, welches Bild wird auf Social Media vermittelt? Die unterschiedlichen Aspekte sind für mich so breit gestreut, dass es mir schwerfällt, die wesentlichen Punkte auf eine lesbare Länge zu bringen. Ich versuche es.
Es liegt in der Natur des Sports, sich oder etwas am eigenen Körper (physisch oder psychisch) zu verbessern. Das lässt sich unterschiedlich und ganz individuell definieren: als Steigerung des Wohlbefindens, als Pace-Verbesserung, als mehr Ausdauer oder Kraft, als Anpassung des BMI, als psychische Stabilität etc. Und so kann es schnell zu Frustration kommen, wenn man seine Ziele – aus welchen Gründen auch immer – nicht erreicht. Wir fangen an, uns zu vergleichen. Das auf Instagram vermittelte Bild lässt uns Idealen nacheifern, die durch einen Filter so leicht erreichbar scheinen. Ich bin mir sicher, das kennt ihr alle in irgendeiner Form.
Wir sind nicht immer stark. Durchlebte Hochs und Tiefs gehören zum Leben und darüber zu sprechen, sich nicht nur in seinen besten Momenten zu zeigen und auch als Trainerin einmal zu sagen: „Das ist jetzt nicht so gut gelaufen“, ist in meinen Augen dringend notwendig, um ungesunde Klischees über Bord zu werfen. Sport und Bewegung allgemein sollen Spaß machen. Natürlich tun sie das nicht immer, aber im Nachhinein fühlt man sich meist besser. Diesen Aspekt sollten (Hobby-)Sportler:innen stets im Hinterkopf behalten. Manchmal ist es hilfreich, den Leistungsgedanken auszublenden.
… ein Mädchen, das im Kindergarten mit den Burschen Fußball spielte und eigentlich auch immer ein Bub sein wollte. Das war ich. Was wie eine „Jo, eh“-Geschichte klingt, verbirgt für mich aus heutiger Sicht so viel mehr. Nämlich den Wunsch, nicht schwach sein zu wollen. Das Ganze soll jetzt in keine Genderdiskussion ausarten, dennoch ist der Drang, mich als kleine, zierliche Frau körperlich beweisen zu wollen, auch heute noch tief in mir verankert.
Ich bin kein Naturtalent. Und trotz meines Ehrgeizes ist mein Interesse, was unterschiedliche Sportarten betrifft, einfach zu breit gefächert, als dass ich mich auf eine Disziplin hätte spezialisieren können oder wollen. Das ist auch gut so. Ich akzeptiere, dass ich den Marathon nicht in unter 3:45 laufen kann, keinen 8a bouldere und bei Bewerben prinzipiell im guten Mittelfeld lande. Alles fein! Ich habe Spaß dabei.
Seit ich mein Hobby zum Beruf gemacht habe, hat sich mein Blick auf Leistung und körperliche – ich will es gar nicht so nennen, doch fällt mir einfach nichts Besseres ein, deshalb verpasse ich dem Wort Gänsefüßchen – „Schwächen“ in zweierlei Hinsicht geändert.
Erstens – und damit spanne ich den Bogen zum eingangs Erwähnten – möchten wir bei avenir unseren Kund:innen vermitteln, dass Sport nicht automatisch mit Messen, Vergleichen und eben Leistung verbunden ist. Gerade bei unseren Projekten mit Jugendlichen geht es darum, unsere Freude an der Bewegung auf andere zu übertragen. Unsere Trainings sind alle so konzipiert, dass jede:r das für sie/ihn passende Tempo, Gewicht, Intervall wählen kann. Ja, wahrscheinlich schaue ich einmal, ob die Person auf der Nebenmatte zur Kettlebell mit 8 oder 10 Kilogramm greift, bleibe ich bei einer Challenge noch 5 Sekunden länger in der Plank oder mache noch einen Burpee mehr. Das ist menschlich. Ein gesundes, freundschaftliches Motivieren in der Gruppe hat nichts mit Druck und Leistungsgedanken zu tun. Daraus kann man Positives für sich mitnehmen, daran wachsen und – wer mag – auch an seine persönlichen Grenzen gehen. Lob und Anerkennung der Trainerinnen und Mittrainierenden tun gut. Alles ohne Zwang.
Der zweite Punkt betrifft meine persönliche Leistungsfähigkeit, meine körperlichen Beschwerden und vor allem meine Einstellung dazu, in weiterer Folge auch den Umgang vor unseren Kund:innen damit. Das über Fitnesstrainer:innen dank Social Media vorherrschende Bild ist wohl das der unverwüstbaren Kraftmaschinen. Doch auch wir sind Menschen in einem Körper, der uns manchmal zeigt, dass etwas nicht stimmt. Mich zum Beispiel plagen seit Jahren Schulterbeschwerden, Arthrose in den Fingern, allergiebedingtes Asthma, Bluthochdruck, Dupyutren und Morbus Ledderhose, hin und wieder die Seitenbänder in beiden Knien (ich schrecke mich zugegebenermaßen gerade selbst, wenn ich das zu Papier bringe). Aber: Im Großen und Ganzen ist das alles nicht schlimm und auch wenn ich seit meiner Hypertonie-Diagnose Medikamente nehmen muss, bin ich mittlerweile froh, dass ich sie behandeln kann. Habe ich mich anfangs dafür geschämt und war frustriert, so rede ich heute darüber und möchte damit auch oder gerade sportliche Menschen dazu motivieren, sich regelmäßig medizinisch durchchecken zu lassen.
Dank meiner Ausbildung und Erfahrung weiß ich, welche Übungen mir bei welchen Beschwerden helfen. Auch für euch haben wir Trainer:innen immer alternative Übungen in petto, wenn ihr gerade mit einer Verletzung kämpft, Beschwerden habt oder es einfach mal etwas ruhiger angehen wollt. In unserem Recovery-Programm widmen wir uns ganz bewusst Regeneration und Selfcare.
Die Balance zu finden zwischen sportlicher Herausforderung, sich selbst und/oder anderen etwas beweisen wollen, gesundem Ehrgeiz, Übertraining, positivem Selbstbild und Wohlfühlen im eigenen Körper, ist gar nicht so leicht. So individuell, wie jedes einzelne unserer Trainings ist, so individuell sind auch unsere Kund:innen und dementsprechend euer persönlicher sportlicher Weg. Lasst uns euer Navi auf diesem sein.
Ich zelebriere mittlerweile meine eigenen Unzulänglichkeiten mit Humor – die meiste Zeit zumindest (manchmal weine ich auch). Es war ein langer, steiniger und oft schmerzhafter Weg bis dahin, doch es hat sich gelohnt. Ich lebe mit meinen guten und schlechten Tagen, freue mich auf jede einzelne Sporteinheit ob allein oder in der Gruppe und bleibe trotz allem die unvernünftige Ehrgeizlerin, die sich nach einem Training bei ihrer Kollegin drei Tage nicht rühren kann. Danke, Eva!
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1 Comment
Ich kenne das nur zu gut. Ich neige dazu, körperliche Schwächen zu ignorieren, und meine Ziele setze ich oft dort an, wo die Grenze zwischen ambitioniert und überzogen verläuft. Dieses Limit hat für mich eine besondere Anziehungskraft. Es zwingt zur Fokussierung, zur Auseinandersetzung mit sich selbst. Ob das immer gesund ist? Im Wettkampf vermutlich nicht. In der Vorbereitung darauf oft schon.
Sehr hoch gesteckte Ziele motivieren mich. Sie geben Richtung. Gleichzeitig liegt genau darin die von dir beschriebene Krux: nicht dem reinen Ehrgeiz zu verfallen. Denn wenn das Ziel wichtiger wird als der eigene Körper, kippt etwas. Das habe ich auch gelernt.
Und dennoch glaube ich, dass es Momente braucht, in denen man etwas riskiert. Nur vernünftig zu sein, nur im sicheren Bereich zu bleiben, würde mir persönlich etwas nehmen. Die „Würze“ entsteht für mich dort, wo Unsicherheit mitschwingt, wo man nicht genau weiß, ob es aufgeht. Meine Ultra-Erfahrungen, etwa beim Atlas Mountain Race, haben mir gezeigt, wie schmal der Grat zwischen Überforderung und Wachstum sein kann.
Was ich aus deinem Text besonders mitnehme, ist die Offenheit. Dass Leistung nicht linear ist. Vermutlich liegt die Balance darin, beides zuzulassen: ambitionierte Ziele und ehrliche Selbstreflexion. Grenzen austesten, aber sie nicht dauerhaft übergehen. Und sich selbst zugestehen, dass Stärke manchmal auch darin liegt, Tempo herauszunehmen. Ich bin dabei, das zu lernen 😉
Meine Ziele und meinen Sport verfolge ich für mich, nicht für andere. Am Ende geht es um meinen eigenen Weg und nüchtern betrachtet interessiert es ohnehin kaum jemanden, was ich mache 🙂