Mehrtägiges Trailrunning in alpinem Gelände klingt zunächst spektakulär und auch etwas furchteinflößend, auch für uns. Wir haben uns von der Luxusvariante mit Gepäcktransport am King Dachstein Trail 2024 zum reduzierten Laufen nur mit dem, was in unseren 12-Liter-Laufrucksäcken Platz hat, vorgearbeitet und im August 2025 den relativ neuen Weitwanderweg Lungauer Tauernkrone ausgetestet. Erste Planungen haben wir bereits zu Jahresanfang vorgenommen.
Die Lungauer Tauernkrone wird sowohl als Hike als auch als Trailrun auf der Website vorgestellt. Da man laufend, zumindest in der Ebene und bergab, an einem Tag mehr Strecke zurücklegen kann, konnten wir hier relativ flexibel sein. Ein erstes Hindernis in der Planung stellte bereits das erste Etappenziel, die Granglerhütte, dar, die Übernachtungen nur für Gruppen ab zehn Personen zulässt. Wir planten also um und schnell wurde uns klar, dass wir des Öfteren von der vorgeschlagenen Route abweichen mussten – und auch wollten.
Wie auch 2024 gelangten wir öffentlich an unseren Ausgangspunkt, dieses Mal war es Mariapfarr im Lungau. Ein früher Zug (5.19 Uhr) vom Grazer Hauptbahnhof brachte uns zunächst nach Unzmarkt, von wo wir mit dem Bus nach Tamsweg und weiter nach Mariapfarr fuhren. Pünktlich nach Ankunft um 9.15 Uhr konnten wir im Gästehaus Wiesenegger, wo wir unsere letzte Nacht verbringen würden, eine Tasche mit Gewand für die Rückreise abgeben und starteten nach einer Banane gleich in die erste Etappe.
Es geht mäßig dahin, wir traben mehr, als zu laufen, schließlich haben wir noch einiges vor. Der Track führt uns vom Ort gleich in den Wald, immer wieder auf Asphalt- und Forststraßen (Lignitzrundweg 35 und Weißpriacher Rundweg 47) – meist begleitet von der Lonka –, bis uns das Wetter etwas unruhig macht. Die Entscheidung, direkt zu den Giglachseen aufzusteigen (Weg 771 und 702), war im Nachhinein betrachtet wohl nicht die beste. Wir verlieren bei einem Sprung über einen Bach Bargeld und AV-Ausweis, werden waschelnass und kommen mental leicht angeschlagen in der Giglachseehütte an. Gewand gewechselt, Suppe ausgelöffelt und Krönchen gerichtet – schließlich sind die Queens on Trail –, so starten wir in den zweiten Abschnitt. Die Originalroute, auf der wir uns zwischenzeitlich wieder befinden, führt über die Rotmandlspitze zur Keinprechthütte (Weg 702). Wir jedoch nehmen den Weg (wenn man das meterweise Vortasten in einer Gesteinswüste so nennen darf) darunter, der uns nach einem Aufstieg durch Geröll an der Vetternspitze vorbei zum Zinkwandstollen führen wird. Auf dieser Strecke sind wir abgesehen von ein paar Schafen vollkommen allein, der Himmel ist duster, wir kommen nur langsam voran und zweifeln immer wieder an der Wegführung. Durch den Stollen geht es dann auf Leitern und mit Stirnlampe, das Licht am Ende des Tunnels kommt uns vor wie eine Erlösung. Wir wissen, bis 18 Uhr müssen wir die Hütte erreichen, um noch ein Abendessen zu bekommen. Um 17.45 Uhr sind wir dort, die Erleichterung steht uns ins Gesicht geschrieben.
Nach einer mäßig erholsamen Nacht im Lager geht es in die nächste Etappe. Es ist die, wo wir am wenigsten laufen werden, da uns die Route auf den Hochgolling führt (ebenfalls eine Abweichung von der Originalstrecke der Tauernkrone). Bis zur Kreuzung zur Landawirseehütte ist das Weg Nr. 702, dann nehmen wir den alten Höhenweg zur Gollingscharte. Das Wetter ist gut, unser Gewand weitgehend trocken und wir wieder guten Mutes, vor allem nach Andreas’ Anruf, der das verlorene Bargeld samt Ausweisen gefunden hat und uns zusichert, alles per Post zu schicken. Es gibt sie noch, die ehrlichen Menschen. Wir sind tatsächlich den Tränen nahe, am 2862 Meter hohen Berggipfel (Weg 778 und Normalweg). Es geht wieder bergab über die Gollingscharte und durch den Gollingwinkel (Weg 702 und 778), der als schönstes Naturamphitheater der Welt angepriesen wird – zu Recht, es ist magisch. Entlang des eiskalten Bergbachs, in dem wir noch schnell unser Gewand und uns selbst waschen, erreichen wir schließlich die Gollinghütte, den besten Topfenstrudel und den Luxus, die Nacht in einem Zimmer zu zweit zu verbringen.
Wilde Pferde als das Erste, was wir an diesem Tag sehen, versprechen Gutes. Nach dem spontanen Entschluss, erneut auch von unserem alternativen Track abzuweichen und noch den Greifenberg in einer Schleife mitzunehmen (Weg 702 von Gollinghütte bis Oberer Klaffersee), landen wir in einem wunderschönen, von Seen und Blumen geprägten Streckenabschnitt, bevor wir dann auf Weg 777 über Steine und in den Zwerfenbergsee springen und schließlich wieder eine etwas längere Laufpassage über die Laßhoferalm nach Lessach zurücklegen. Maria, die Chefin des Gästehauses Macheiner, ist mit ihrer Hilfsbereitschaft und Geduld unsere persönliche Heldin. Es sollte nicht die letzte Begegnung mit ihr gewesen sein.
Um 4 Uhr morgens klingelt der Wecker, denn ab Mittag sind Gewitter möglich. Da wir vom Tal wieder in die Berge zur Grazer Hütte aufsteigen, erscheint uns ein früher Start als unausweichlich: Zu Mittag wollen wir auf der Grazer Hütte sein. Maria hat uns Frühstück to go, Kaffee und Orangensaft gerichtet. Gegen 4.45 Uhr laufen wir los – die ersten 7 km sind relativ flach, aber die gefühlte Anstrengung war mindestens die zweier Hügel. Mit Stirnlampe im Dunkeln, die Dunstschwaden über dem Boden, die erste Ahnung von Tag – dann geht es einen schönen Wanderweg (Weg 784) in den Wald Richtung Landschitzwasserfall, Unteren, Mittleren und Oberen Landschitzsee hinauf. Wir liegen gut in der Zeit, genießen Marias Käsesemmeln und die ersten Passagen in der Sonne.
Über das Prebertörl steigen wir auf einem gerölligen Pfad zum Weg 786 ab, der uns durch ein malerisches Gebirgstal über die Möslhütte sukzessive bergab führt – von wo es wieder bergauf geht. Die Grazer Hütte ist mit zwei Stunden angeschrieben (nicht alle Schilder verraten, dass es sich um einen schwarzen Wanderweg handelt), und die braucht es auch: Der Weg ist fast durchgehend eine Querung auf schmalem, wenig begangenem Pfad. Man muss dauernd aufpassen, denn das teils hohe Gras verwischt die Grenze zwischen festem Untergrund und dem Tritt ins Nichts. Dazwischen ist es steil; Windbruch, wohin man schaut. Schön war das nicht: Über uns eine schwarze Wolke, an den Beinen der Schmerz sehr aggressiver Brennnesseln und unter unseren Füßen ein Weg, der unsere ganze Aufmerksamkeit fordert. Aber unser Plan geht auf: Um 11.56 Uhr stehen wir vor der Grazer Hütte, wo uns der ausgezeichnete Spinatknödel wieder alle Lebensgeister einhaucht. Dass kein Gewitter kam (nur Regen später), verzeihen wir deshalb.
Das Wetter ist nicht gut angesagt, Gewitter sind ganztägig möglich. Daher beschließen wir, uns dem hervorragenden Frühstück ausgiebig zu widmen und danach gemütlich zu starten. Die Idee: Leider den Preber auszulassen, dafür die Route nach möglichen Unterschlupfstationen zu legen, sollte uns doch ein Gewitter heimsuchen. Also laufen wir auf Weg 788 über die Preber-Halterhütte zur Ludlalm, wo natürlich auch geludelt wird. Dann geht es nach einem kurzen Anstieg (Weg 27) gemütlich auf der Forststraße bergab zurück nach Lessach, wo – und das hatten wir nicht ausgemacht! – Maria gerade aus dem Fenster schaut, als wir an ihrem Gästehaus vorbeilaufen. Nach einem kurzen Austausch traben wir weiter die Straßen, Wälder und Wiesen hinauf (Semel, Vorderlasa) und hinunter nach St. Andrä, wo wir uns beim Andlwirt ein Getränk gönnen und feststellen, dass unsere Schuhe dringend grundgereinigt werden müssen. Da uns Fliegen heimsuchen, gehen wir davon aus, einige Spuren der auf den Weiden lebenden Tiere mit uns herumzutragen.
Wir machen uns an die letzten Kilometer (wir laufen auf der Straße, bessere Option: Fernwaldrundweg 71): Es beginnt zu tröpfeln, aber nicht genug, sodass wir die Regenjacken doch wieder ausziehen. In Mariapfarr, unserem Ausgangspunkt, angekommen, gibt es gleich die ersten Yogaübungen, eine Dusche, frische Kleidung und einen Gang in den Supermarkt, damit wir in der Stube des Gästehauses Wiesenegger etwas tun können, wonach uns tatsächlich ist: jausnen, Popcorn und Chips essen und dabei fernsehen. Danke an dieser Stelle für den tollen Zirbenlikör! Danach spazieren wir durch den Ort und lassen uns abends noch Käsespätzle und Marilleneisknödel schmecken.
Nach einem langen Frühstück und einem weiteren Erkundungsspaziergang nehmen wir um 11.15 Uhr den Bus nach Mauterndorf; von dort fahren wir, ebenso per Bus, nach Radstadt. Am Bahnhof trennen sich am sechsten Tag der bewussten Schicksalsgemeinschaft unsere Wege: Irene fährt mit dem Zug nach Graz, Eva nach Linz. Die Zugfahrt tut gut, schließlich gibt es noch einige Eindrücke zu verarbeiten, bevor das Leben jenseits der Trails wieder fortgesetzt werden will.
Die Lungauer Tauernkrone ist als Weitwanderweg angelegt, doch abgesehen von den teilweise fehlenden Übernachtungsmöglichkeiten in den angegebenen Hütten mangelt es vor allem an einem: einer klaren Beschilderung. Auch wenn wir uns auf der offiziellen Strecke befanden, sahen wir oft kilometerlang kein einziges Schild, die Markierungen sind teilweise schwer zu erkennen, weil verblasst oder einfach nicht vorhanden, Wege sind manchmal nicht erkennbar. Will man diese Strecke, was durchaus machbar ist, im Rahmen eines Ultralaufs zurücklegen, bei dem aber Lichtverhältnisse und Konzentrationsfähigkeit nicht immer optimal sind, sind Wegabweichungen vorprogrammiert. Die wunderschöne Landschaft mit den zahlreichen Bergseen ist es aber auf alle Fälle wert, erlaufen oder erwandert zu werden.
Du hast Lust bekommen, die Tour nachzulaufen? Schreib uns einfach, wir schicken dir gern unseren alternativen Track.